SIDO – „Ich & Keine Maske“ und das große Video zum Song „Pyramiden“

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Sido hat ein neues Album gemacht. Das ist immer eine große Nachricht. Für seine zahllosen Fans. Für die Deutschrap-Stammtische im Netz. Für die Radiosender, die eilig einen Platz in ihrer Heavy Rotation freiräumen, weil nach dem Hit bekanntlich vor dem Hit ist bei dem erfolgreichstem Rapper, den dieses Land je gesehen hat. Im Fall von “Ich & keine Maske” aber ist die Nachricht noch ein bisschen größer. Mit seiner achten Soloplatte schließt Sido an den legendären Alben-Zyklus seiner Frühphase an: Schon der Titel nimmt Bezug auf das Metall und die Musik, die den Jungen aus dem Block einst zum Star machten. Vor allem aber öffnet “Ich & keine Maske” eine neue Phase in dieser tatsächlich beispiellosen Karriere. Der Maskenmann ist angekommen. Bei sich selbst und in seinem eigenen Universum. Album Nummer 8, es ist in Wahrheit eher sowas wie Album Nummer unendlich.

Papa muss zur Arbeit. So erklärt es Sido zu Beginn des Albums seinen Kindern. Nicht weil da der Chef wartet – eher weil er nun mal der Chef von diesem Laden ist und seine Leute nicht einfach alleine lassen kann mit all dem Elend. Er würde sich ja gerne zur Ruhe setzen, kokettiert der inzwischen 38-Jährige auf “Wie Papa” mit seinen Ambitionen als Frührentner, vermutlich nur halb im Spaß. Aber was gerade mit dieser Musik passiert, die ihm die Welt bedeutet, die ihn ebenso geformt hat wie er sie geformt hat, das kann er so nicht stehen lassen. Also wird Ansage gemacht: gegen die Kritiker, gegen die Epigonen und gegen all die Glücksritter im Goldrausch, die auf der Jagd nach dem nächsten Streaming-Rekord derzeit die Grundwerte einer ganzen Kultur mit Füßen treten. Jede Silbe dieses Intros hat das Gewicht einer Grundsatzerklärung: Fick deinen Fünf-Minuten-Hit, der Baba ist zurück. “Meine Stadt, mein Zuhause, mein Viertel, meine Gegend, mein Palast / Meine Jungs, die Familie, die Leute, die ich liebe, alle satt.”

Deutschrap ist überall dieser Tage, mal wieder. Auf der einen Seite wird, nun da sich der 30. Geburtstag des Genres nähert, in Bestseller-Büchern und Netflix-Dokus die Vergangenheit aufgerollt. Auf der anderen Seite wird dank Instagram und Streaming jede Woche ein neuer Superlativ vermeldet. Fantastilliarden Klicks! Alle Songs in den Top 10 deutschsprachiger Rap!! Wahnsinn!!! Sido nimmt in diesem hysterischen Klima der Zuspitzung eine sehr spezielle Rolle ein. Er ist die vielleicht letzte verbliebene Brücke zwischen Alt und Neu: Er kommt aus einer Zeit, in der Rap Außenseitermucke war, aber bewegt sich ganz selbstverständlich auf dem Parkett seiner Popwerdung. Er ist sozialisiert mit harten Punchlines und Kopfnicker-Beats klassischen Zuschnitts, aber nie kleben geblieben auf einem vermeintlich glorreichen Gestern. Im Gegenteil: Immer wieder macht er Musik mit den Klick-Kings der Stunde – denen, die er gut findet, halt. Auf “Ich & keine Maske” sind unter anderem Luciano und Samra zu hören. Sie respektieren ihn, als Wegbereiter und Ihresgleichen. Denn: Sido ist HipHop. “In der Bücherei der Rap-Geschichte steht ein Buch”, rappt er an einer Stelle des neuen Albums. “Und auf jedem dieser tausend Seiten klebt mein Blut”. Wer gewissenhaft genug nachblättert, wird ihm Recht geben. Gleichzeitig hat Sido die Ausdrucksform Rap in den vergangenen Jahren so sehr nach seinem Gusto geformt, dass sich die ewig leidigen Fragen nach der Grenze zum Pop oder dem Erwachsenwerden gar nicht mehr stellen. Sido macht einfach Musik – auf “Ich & keine Maske” unbefangener und ehrlicher als je zuvor.

Es gibt diese Superkraft in Sidos Repertoire als Texter und Entertainer. Wie alle guten Superkräfte ist sie extrem selten, aber Sido hat sie immer schon besessen, selbst als blutjunger Rapper im Kreuzberger Freestyle-Keller. Über die Jahre hat er ihr immer mehr Raum zur Entfaltung gelassen, bis er irgendwann, nun ja, abhob. Es ist die Fähigkeit, echte Songs zu konzipieren (und auch konsequent auszuproduzieren), ohne dabei die Lockerheit und Kante dranzugeben, die ihn einst von weit unter Null auf 💯 katapultierte. Ein Musterbeispiel für diese Gabe ist “Jedes Geheimnis”, sein “Einschlaflied”, wie Sido selbst sagt. Der leidenschaftliche Familienmensch thematisiert darauf all die Fragen, mit denen ihn seine Kids Abend für Abend beim Zubettgehen bombardieren. So ein Thema wäre schnell in Pathos und Plattitüden ertränkt. Aber Sido macht daraus einen echten Sido – etwa wenn er beschreibt, wie ihn die beiden nach den grünen Rauchwolken auf der Terrasse fragen, oder er offen zugibt, dass er bei seinen Antworten oft selbst raten muss, weil er es ja auch nicht so genau weiß. “Ich & keine Maske” ist Musik von einem, der nichts versteckt, weil er nichts zu verstecken hat. Musik mit offenem Visier, musikalisch wie emotional.

So findet sich auf dem Album etwa ein Song für den Großvater (“Papo”), zu dem der junge Siggi eine ganz besondere Beziehung entwickelte, als sich sein Vater aus dem Staub machte und er quasi über Nacht zum Mann im Haus wurde. Es gibt ein Kampflied wider den alltäglichen Stress ohne Grund (“Leben vor dem Tod” mit Monchi von Feine Sahne Fischfilet). Es gibt ein Update des Aggro-Klassikers “Strassenjunge”, auf dem Sido – 13 Jahre nach dem wütenden Original – in die Rolle des besonnenen Betrachters wechselt. Und es gibt, Ehrensache, den designierten Dauerohrwurm “Pyramiden” mit Johannes Oerding. Zwischen all dem finden sich Momente purer Freude am gereimten Wort, zum Beispiel das Drei-Generationen-Treffen “High” mit dem Urvater des Berliner Battlerap, Kool Savas, und seinem rechtmäßigen Statthalter im Hier und Jetzt, Samra. Für Sido ist das kein Widerspruch, sondern alles Teil seiner Persönlichkeit, Teil eines kreativen Prozesses.

Über mehrere Monate hat Sido sich für dieses Album mit seinen Produzenten DJ Desue und X-Plosive eingesperrt, erst in den Black Rock Studios auf Santorini, wo erste Skizzen entstanden, dann zuhause in Berlin, wo die Platte in manischer Detailarbeit ausgearbeitet wurde. Alle Featuregäste waren persönlich im Studio, diverse Parts wurden mehrmals umgeschrieben und neu aufgenommen, jede Stimme dem Gesamtbild eines Songs untergeordnet. Für einen, der sich längst nicht mehr ausschließlich als Musiker definiert und aufwändige Nebentätigkeiten als Unternehmer, A-Promi und erwachsener Mann unterhält, ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Aber Sido wollte es wissen. Er wollte auf den Punkt bringen, was ihn ausmacht. Ein Album, das bleibt. Als Album. Fick deinen Fünf-Minuten-Hit, der Baba ist zurück.

Für Sido ist “Ich & keine Maske” die definierende Platte einer Karrierephase. Für alle anderen ist es ein Blick in die Seele eines wahrhaft einzigartigen Künstlers und Menschen. Die Maske, sie ist weg: Ich bin’s, Paul Würdig, der Typ, der immer rappen, aber nie erkannt werden wollte. Der trotzdem berühmter wurde, als er sich das jemals hätte vorstellen können. Und der schließlich gemerkt hat, dass das auch nichts ändert. Weil das Leben eh macht, was es will – und man nur wissen muss, wie man damit umgeht.

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