Bayuk – „Old June“ Official Video

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Musik, für die grobkörnige Filter oder Unschärfeeffekte vermeintlich erst erfunden wurden. Doch Bayuk, der Singer/Songwriter mit Wahlheimat Berlin blickt uns auf seinem Albumcover auf einer genreuntypischen Fotografie direkt in die Augen. Helle Farben. Keine Geheimnisse.

Dafür ist seine Musik zuständig. Das Album eröffnet mit einem nebelverhangenen Tricky-Beat. Das Bild des ungeschminkten Mannes vom Cover verschwimmt im Puls des mahlstromartigen Grooves, bevor uns der Sänger Bayuk gegenübertritt, mit geisterhaft schrägen, verfremdeten Vocals. Überhaupt: Sein Debütalbum mit dem achteinhalb Minuten langen Emotions-Parforceritt „Phantom Track“ zu beginnen, zeugt schon von unverfrorener Selbstüberzeugung. Wer ist dieser Bayuk?

Geboren 1991, spielt der Schwabe früh Cello in klassischen Orchestern und bringt sich mit 14 Jahren das Gitarre- und Klavierspiel bei. Später studiert er Kunst- und Filmwissenschaften und verleiht seiner Liebe zur Musik mit Album-Rezensionen Ausdruck. Dass die eigene Popkarriere erst mit 27 beginnt, entspringt einem Zufall: Nachdem er an der Zulassung für die Filmhochschule scheitert, setzt Bayuk alles auf eine Karte.

Filmisch allerdings ist auch seine Musik. Während der Studio-Aufnahmen mit Produzent Tobias Siebert (Klez.e, And The Golden Choir) liefen von morgens bis abends David-Lynch-Filme in Dauerschleife: „Wir entwickelten eine regelrechte Lynch-Obsession. Am Ende hatten wir sein Film-Oeuvre tatsächlich durch. Das war eine interessante Erfahrung, auch unsere Streicher mussten sich das während des Spielens anschauen“, grinst Bayuk.

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Das Ergebnis gibt ihm recht: Seine Songs vermählen somnambule Melancholie mit borstigen Sound-Patterns – Pop mit Widerhaken. Wie bei einer Übernachtung im Freien hört man es ständig rascheln, dann herrscht wieder knisternde Stille, Licht flackert umher, fällt hier und dort hin, und plötzlich steht Bayuk wie aus dem Nichts da und leuchtet dir mit seiner Petroleumplampe ins Gesicht. Zusammen mit Siebert bastelte er kleine, faszinierende Track-Sinfonien mit der Narkosewirkung eines Radiohead-Refrains. Dass diese opulenten, perfekt sitzenden Arrangements aus Streichern, Xylophonen, Handclaps und Samples alle erst nachträglich im Siebert-Studio über die zarten Akustikgitarrenskelette der Demos gelegt wurden, ist nur eines der zahlreichen Rätsel, die Bayuk für uns bereit hält. Einen kleinen Vorher-Nachher-Moment liefert uns lediglich der Anfang von „Haaappiiiineeeezzz“: Der Song beginnt im Stile einer Home-Recording, bricht nach wenigen Sekunden ab und startet erneut, dieses Mal in Studioqualität.

Zitiert er dort wirklich den Klassiker „Auld Lang Syne“? Woher holt er plötzlich diesen weltumarmenden Hit „Old June“? „<i>Oh yes, you can weep as you want / We will be there when your last day has come</i>“, singt er mit dünner, hoher Stimme. Bayuk ist Romantiker. Seine Lieder handeln von der Liebe und den Abgründen dahinter. Da geht es schon auch mal um die inneren Dämonen („The Beasts Arrived“) oder um Traumbilder und die Frage nach allem Uneingelösten. „Lions In Our Bedroom“ verarbeitet dies in einem sich nach allen Seiten dehnenden Portishead-Blues, der vor allem von den verschiedenen Gesangsstimmen lebt. Und dann besitzt Bayuk auch noch die Chuzpe, seinen Duettpartner im Booklet mit keiner Silbe zu erwähnen. Aber wieso sollte er? Es ist alles nur er gewesen. Wieder ein Bluff.

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